Mit welchen Herausforderungen haben wir es in dieser Zeit zu tun und wie gehen wir damit um? Welche Rolle spielt das Herz in seinen vielfältigen Beziehungen und ...

Renanimation
Können Sie eine Herzdruckmassage durchführen?
Als Kardiologe mache ich mir immer wieder Gedanken über meine Herz-Patientinnen und Patienten – und auch um ihre Angehörigen. Denn viele meiner Patientinnen und Patienten haben ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod.
Und dann frage ich mich: Was passiert, wenn’s passiert?
Auch bei uns in Deutschland ist in so einer Situation die Chance, längerfristig zu überleben, noch nicht so gut, wie sie sein könnte – insbesondere ein Überleben ohne kognitive Einschränkungen ist dabei leider selten.
Woran liegt das?
Die Gründe sind vielschichtig. Ein paar will ich hier nennen. Vermutlich kennen Sie noch den Begriff der Rettungskette (oder besser: Überlebenskette). Diese ist fragil und jedes Glied ist wichtig. Und im Zweifel sind Sie eines davon! Vielleicht sogar das wichtigste erste Glied.
Hier ein paar Fakten: Die Häufigkeit eines außerklinischen Kreislaufstillstandes in Deutschland beträgt ca. 55 pro 100.000 Einwohner. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland mehr als 54.000 Menschen von den Rettungsdiensten wiederbelebt (genauere Zahlen sind nicht verfügbar). Nur 10% der Betroffenen überleben in so einem Fall. Und überleben heißt nicht unbeschadet überleben. Das heißt einfach nur leben, egal in welchem Zustand.
Der Ort eines Kreislaufstillstandes ist in knapp 70% der Fälle die häusliche Umgebung (Wohnung).
Etwa bei 56% der Patientinnen und Patienten wird der Kollaps (beim Kreislaufstillstand) beobachtet – es ist also jemand anwesend, der potentiell helfen könnte.
Bei uns in Deutschland haben wir allerdings nur eine Ersthelferquote von ca. 52%. Das bedeutet, in knapp 50% findet keine erste Hilfe statt und die Überlebenswahrscheinlichkeit ist dramatisch verschlechtert. Andere Länder zeigen uns, dass es besser geht (die Tschechische Republik, Norwegen und Irland schaffen eine 80% Ersthelfer-Quote). Wir liegen in Deutschland unter dem Europäischen Durchschnitt.
Aus meiner Perspektive als langjährig tätiger Notarzt in Berlin sind mir diese Momente leider zu sehr vertraut: Erste Hilfe gab es erst, wenn der Rettungsdienst da war. Das war immer wieder eine bittere Erfahrung.
Das können wir besser, denke ich! Und das ist sogar ganz einfach!
Wenn der Rettungsdienst alarmiert wird, braucht er im Schnitt gut 6 Minuten vom Alarm bis zum Eintreffen am Notfallort (heißt: noch nicht beim Betroffenen/ der Betroffenen).
Und unsere Bundesländer haben alle ihre eigenen Regeln.
Die sogenannte Hilfsfrist, also die Zeit, in der ein Rettungsmittel beim Notfall sein soll, beträgt zwischen 10 Minuten (in 80% der Fälle) und 15 Minuten (in 95% der Fälle) – rein planerisch gesehen.
Doch: Etwa 2 Minuten nach Kreislaufstillstand sterben erste Gehirnzellen durch Sauerstoffmangel unwiderruflich ab. Nach 3 Minuten nehmen übrige wichtige Organe Schaden. Nach 5 Minuten sind schwere Hirnschäden zu erwarten. Nach ca. 10 Minuten ohne Sauerstoff tritt der Hirntod ein.
Natürlich kommen andere Faktoren erschwerend hinzu: Hat die Rettungsleitstelle ein strukturiertes Abfrageprotokoll? Gibt ein Leitstellen-Disponent eine telefonische Anleitung für eine Laien-Reanimation? Ist das nächste Rettungsmittel überhaupt verfügbar, oder ist es gerade im Einsatz? Kann der Rettungsdienst nach einer Reanimation in absehbarer Zeit ein geeignetes Krankenhaus ansteuern, das den reanimierten Patienten versorgen kann? ….
Doch was können wir als Anwesende im Notfall tun? Ganz einfach:
Prüfen – Rufen – Drücken
- Als Anwesende(r) können Sie prüfen, ob der Betroffenen noch reagiert (ansprechen, anfassen).
- Rufen Sie nach Hilfe, wenn jemand anwesend ist und wählen Sie den Notruf (112). Sie werden dann als erstes gefragt: „Wo genau ist der Notfallort?“ Das sollten Sie so genau wie möglich sagen können. Alles Weitere wird vom Disponenten abgefragt. Da müssen Sie sich vorher keine Gedanken machen. Das ist ganz einfach.
- Beginnen Sie eine Herzdruckmassage: Drücken Sie in der Mitte des Brustbeins in Richtung Wirbelsäule ca. 5-6 cm tief und 100-120mal pro Minute (das ist ziemlich schnell und kräftig), ohne Pause, so lange wie Sie können oder bis jemand da ist, der Sie ablösen kann.
Nein, Sie müssen nicht beatmen (auch wenn das ganz gut wäre), nur drücken! Beherzt, auch wenn Rippen brechen. Das tun sie oft und das ist kein Problem!
Wenn Sie den Notruf angerufen haben, werden Sie sofort vom Leitstellenmitarbeiter unterstützt und angeleitet, was zu tun ist.
Parallel wird der Rettungsdienst alarmiert und macht sich auf den Weg zu Ihnen.
Wenn Sie Glück haben, wird außerdem von der Leitstelle ein Ersthelfer alarmiert, der in Ihrer Nähe sein könnte. Und vielleicht bringt ein (weiterer) Ersthelfer auch einen Defi (AED = Automatischer Externer Defibrillator) zum Notfall-Ort mit. Denn in ca. 20% der Fälle kann man damit sofort eine Verbesserung schaffen (Kammerflimmern unterbrechen).
Für solche Ersthelfer gibt es – natürlich in jedem Bundesland unterschiedliche – Ersthelfer-Apps. In manchen Rettungsdienstbereichen gibt es diese auch gar nicht. In Schleswig-Holstein heißt die App „Saving Life“. Da können Sie sich registrieren, wenn Sie regelmäßig Ersthelfer-Maßnahmen trainiert haben und eine Idee haben, wie eine Herzdruckmassage geht. Und so haben Sie die Chance, anderen Menschen überleben zu helfen, wenn es wirklich darauf ankommt.
Was können Sie als nicht-Medizinerin/ nicht-Mediziner tun?
Lernen Sie, zu reanimieren! Machen Sie einen Auffrischungs-Kurs! Es gibt sicher eine Rettungsdienst-Organisation in Ihrer Nähe, die einen anbietet!
Und wenn in Ihrer Nähe jemand umkippt, einfach anfangen. Sie können nichts falsch machen. Der Mensch ist im Zweifel tot und Sie können ihm richtig gut helfen, wieder ins Leben zu kommen.
Herzliche Grüße aus Bordesholm
Johannes Hagen
P.S.: Kennen Sie eigentlich die Initiative „Kids Save Lives“? Vielleicht durch Ihre Enkel, Ihre Kinder oder Ihre eigene Tätigkeit als Lehrerin? Ich finde diese Initiative großartig! Leider muss hierfür oft lokal ein Finanzkonzept gefunden werden. Doch vielleicht schaffen wir das in Zukunft auch noch besser.

